Ein Sufi als meisterhafter Geschichtenerzähler

In der vergangenen Woche hatte ich Gelegenheit, einen Sufimeister beim Geschichtenerzählen zu studieren. Es war köstlich, wegen der Geschichten, und aufschlussreich, wegen der Art, WIE er sie erzählt hat.

Genial war schon der Rahmen, den er für seine Geschichten schuf: "Meine Geschichten sind Gute-Nacht-Geschichten. Und die sind dazu da, dass die Leute einschlafen. Also macht es euch bequem." Das führte dazu, das alle sich sofort entspannten. Fazit Nr.1: Es geht also nicht um den äußeren Rahmen, um die Räumlichkeiten oder die bequemen Sitzgelegenheiten (es war sogar äußerst unbequem, weil ebenerdiges Sitzen), sondern es geht um die Herbeiführung einer inneren Disposition bei den Zuhörern sofort zu Beginn.

Er erzählte langsam, ließ nach jedem Satz genügend Raum, so dass die Zuhörer Phantasien entwickeln konnten. Und da er Amerikaner ist und übersetzen ließ, entstanden zusätzliche Freiräume. Fazit Nr. 2: Bilder entstehen in den Pausen. Die Zuhörer müssen die Zeit bekommen, das Gesagte in sich abzubilden und selbst vor ihrem inneren Auge auszuschmücken.

Die Geschichten waren meist nicht sonderlich spannend, sondern eher einfache Belehrungen über das Gute und Böse, die in ihren Handlungen ziemlich linear geradeaus laufen. Er verstand es aber, immer wieder Wendungen einzubauen und diese mit einem "Well!" herauszustreichen. Fazit Nr. 3: Es ist wichtig, es den Helden der Geschichten nicht zu leicht zu machen. Sie müssen Rückschläge erleiden, damit es spannend bleibt.

Ob diese drei Punkte die einzigen waren, auf denen die Erzählmethode des Sufimeisters beruhte, weiß ich nicht. Das Resultat war jedoch beeindruckend. Die Zuhörer waren glücklich. Es geht also mit ziemlich einfachen Mitteln.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
abbrechen