Isfahan – mon amour

Den Medien in Deutschland kann man in einem Punkt vollkommen vertrauen: Sie vermitteln Bilder von anderen Ländern, die weit entfernt von der Wirklichkeit dort sind. Mir ist das in der vergangenen Woche wieder so klar geworden, als ich mit meiner Frau einen zehntägigen Urlaub im Iran verbrachte. Wir bereisten das Land und besuchten von Nord nach Süd fahrend, Teheran, Kashan, Nain, Qom, Isfahan und Shiraz.

Nichts zu merken von Mullah-Diktatur, Unterdrückung der Frauen, Leid der Bevölkerung unter dem Embargo, Restriktionen gegenüber Westlern, Armut, islamistischen Parolen. Ganz im Gegenteil. Wir fanden Fröhlichkeit, Aufgeschlossenheit, Lebenslust, Geschäftigkeit, volle Läden und kauflustige Menschen, großstädtisches Flair, Sauberkeit, moderne Boutiquen und natürlich jede Menge „Orient“.

Den größten Eindruck machte Isfahan auf uns. Die Stadt ist großzügig und schön angelegt. Überall gepflegte Grünanlagen und märchenhafte Bauten. Der Meidan-e Imam, der Hauptplatz der Stadt, ist von riesigem Ausmaß. An einer Stirnseite befindet sich die imposante Freitagsmoschee, mächtig und überaus kunstvoll gestaltet. Gegenüber ist der Eingang in den Basar, der eine Länge von 20 km (zwanzig!) hat, sehr sauber und übervoll mit allen Waren des Orients ist. Ich fand es sehr angenehm, in Ruhe hindurch schlendern zu können, ohne ständig von Verkäufern angesprochen oder gar belästigt zu werden. Der Meidan wird umrahmt von Shopping-Arkaden mit etwa 400 Läden. Man kann sich die Fülle der dort angebotenen und rege gekauften Waren kaum vorstellen, zumal in einem nach unserem Vorurteil armen Land.

Pulsierender Autoverkehr, überwiegend Fahrzeuge inländischer Produktion etwa auf dem Niveau des Dacia Logan, aber auch Renault, Peugeot, Toyota, Nissan. Nur die deutschen Hersteller haben den iranischen Automarkt aufgegeben. Aber der Iran ist ein Autoland und die inländischen Fahrzeuge sind für 8.000 Euro zu haben. In den Geschäften sieht man ein vielfältiges Angebot. Überraschend die hochmodische Kleidung, besonders für Frauen und junge Mädchen. Alle bekannten Kosmetikmarken sind vertreten. Neben Basar und den unendlich vielen kleinen Läden und Boutiquen hat Isfahan die größte Shopping-Mall des Mittleren Orients. Und die Läden sind voller kaufender Menschen. Nichts zu sehen von Armut und Tristesse und nichts zu spüren von irgendwelchen Embargoauswirkungen. Wir haben übrigens auch keine Bettler bemerkt. Die Menschen sind krankenversichert, es gibt Arbeitslosenversicherung und eine Art Sozialhilfe.

Die Leute sind freundlich, aufgeschlossen, neugierig. Allen voran die Jungen. Das Englisch ist zwar noch ziemlich holprig, aber in den Schulen gibt es jetzt viel Sprachunterricht, vor allem in den sehr zahlreichen Privatschulen und Privatuniversitäten. Die Leute sind ständig und überall mit ihren Handys beschäftigt. W-Lan geht an vielen Stellen. Zugang zu tagesschau.de war möglich, Spiegel-online und Facebook allerdings nicht. Wir fragten ein paar junge Leute danach, mit denen wir ins Gespräch gekommen waren. Sie lachten und meinten, sie bekämen ihre Zugänge mittels einiger Proxies chinesischer Herkunft. Alles kein Problem, meinten sie. Wenn man die Menschen erlebt wird klar, dass sie immer Möglichkeiten finden und alle Restriktionen mit ihrer überschäumenden Vitalität umgehen und überwinden.

Ein Wort noch zu den Frauen. Sie tragen alle Kopftuch, viele Tschador, keine Burkas. Und sie gehören unbestritten zu den schönsten Frauen der Welt. Wegen der Verhüllungen und der Geschichten, die ich als Westler darüber gehört hatte, war ich zunächst etwas gehemmt, die Frauen einfach auf der Straße anzusprechen oder gar anzulächeln. Bis ich merkte, dass das Problem tatsächlich nur in meiner Vorstellung bestand und die Frauen keinerlei Berührungsängste haben. Sie empfinden die staatliche verhängte „Kleiderordnung“ offenbar nicht als die Einschränkung und Last, die wir im Westen dem immer unterstellen, sondern machen locker und lächelnd das Beste daraus. Mir fiel in diesem Zusammenhang eine Geschichte ein, die ich einmal in Indien erlebt hatte. Dort fragte mich ein lunghi-tragender Inder (Lunghi ist ein Wickelrock) wieso die Westler eigentlich fröhlich sein können, wo sie doch immer diese im Schritt so engen Hosen tragen müssten. Ich antwortete spontan, dass wir das so gewöhnt sind, es richtig finden und es schließlich alle so machten. Diese Antwort würden die iranischen Frauen vermutlich auch geben.

Nach dieser kurzen Reise kann ich den Iran natürlich nicht umfassend beurteilen. Aber das Land, die Leute und das Leben dort haben mich schon sehr überrascht. Und nicht nur Isfahan ist allemal eine Reise wert!