Identifikation kann man nicht kaufen

Kürzlich bat mich der Geschäftsführer eines süddeutschen Unternehmens um meine Einschätzung zu einem Vorschlag seines Personalleiters. Dieser hatte festgestellt, dass die Mitarbeiter nicht genügend mit dem Unternehmen identifiziert seien und zur Behebung dieses Defizits ein kennzifferngebundenes Prämiensystem entwickelt. Der besondere Clou daran war, dass man den Mitarbeitern bei Erreichen bestimmter, im Einzelnen noch zu definierender Ziele nicht einfach nur Geld in die Hand drücken wollte, sondern kleine Goldbarren.

Nun kann man sich natürlich darüber streiten, ob es eine gute Idee ist, Leute, die gerne mal einen Euro extra für freudespendende Kleinigkeiten ausgeben würden, erst zur Bank zu schicken, damit sie dort ihre Goldbarren gegen Bares tauschen. Das eigentlich Erschütternde an dem ganzen Vorschlag ist aber viel grundsätzlicher. Man will Identifikation mit Geld (oder Gold) kaufen. So ein Blödsinn! Menschen identifizieren sich mit einer Sache, weil sie diese Sache toll finden. Und nicht, weil sie für das Erreichen irgendwelcher Produktionskennziffern Geld bekommen. Natürlich nehmen sie das Geld. Sie werden dafür sicher auch genau die Dinge tun, die sachlich dafür nötig sind. Sie werden Stückzahlvorgaben erreichen, Ausschuss senken und Kosten senken. Da bleibt aber immer noch die Frage, was all das mit Identifikation zu tun hat. Genau nichts!

Identifizierte Mitarbeiter, die für ihr Unternehmen brennen, leisten weit mehr, als die Erreichung geforderter Kennziffern. Sie machen darüber hinaus Verbesserungsvorschläge, setzen sich aktiv für Neues ein, entwickeln Ideen und Initiative. Geld- und kennzifferngetriggerte Mitarbeiter erfüllen die Kennziffern – egal wie – nehmen das Geld und leben ihren Ideenreichtum in der Freizeit aus. Das Unternehmen bekommt erfüllte Kennziffern, aber nicht mehr. Kein zusätzliches Engagement, keine innovativen Vorschläge und Ideen, kein Brennen für ein gemeinsames Anliegen. Und das ist unter den Bedingungen des heutigen Wettbewerbs, enger werdender Märkte, schnellerer Innovationszyklen und wachsender Unsicherheiten einfach zu wenig.

Ich habe dem Geschäftsführer vorgeschlagen, seinen Personalleiter mal für eine längere Zeit an den Shopfloor zu schicken, denn nur dort kann er herausfinden, welche Trigger Menschen zur Identifikation mit ihrem Unternehmen bringen können. Was verbindet die Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen? Worüber ärgern sie sich? Worüber freuen sie sich? Was hindert sie daran, sich zu engagieren? Was fördert ihr Zusammengehörigkeitsgefühl? Zugegeben, um darauf Antworten zu finden, muss man ziemlichen Aufwand treiben. Aber schließlich geht es um den wichtigsten Erfolgsfaktor, um die Initiative der Mitarbeiter. Und die bekommt man nicht zum Nulltarif. Dafür muss man sich mit Themen beschäftigen, die unter dem Begriff Unternehmenskultur subsummiert werden. 

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