Megacitys und ihre Geheimnisse

Megacitys sollen ja wohl die Zukunft der Menschheit sein. Wie das dann aussehen könnte, lässt sich heute schon vielerorts besichtigen. Ich habe mir kürzlich Tokio, Shanghai, Taipeh und Hongkong angeschaut und ich muss sagen: Ich möchte nicht in solchen Städten leben. Aber das ist natürlich nur meine Privatmeinung und irgendwie Geschmackssache. Wenn wir aber einmal davon ausgehen, dass viele Menschen es sich werden gar nicht aussuchen können, ob sie in einer Megacity oder – wie ich – in ländlicher Idylle wohnen und arbeiten, dann bleibt am Ende die Frage, wie es hinzubekommen ist, dass Abermillionen von Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Mir sind da bei meinem Besuch ein paar Dinge aufgefallen.

Natürlich bin ich mit bestimmten Erwartungen und ein bisschen Voreingenommenheit nach Fernost gereist. Als Deutscher hatte ich irgendwie immer Berlin – die größte Stadt, die wir hier haben – als Maßstab vor meinen inneren Augen. Aber das ist natürlich provinziell. Einerseits, weil sich damit auch bei mir, trotz meiner vielen Reisen, eine gewisse Fixierung auf meine gewohnte Umgebung als Maß aller Dinge beweist, und andererseits, weil Berlin gegenüber diesen Megacitys eben tatsächlich eher Provinzcharakter hat. Es gibt dort einfach um Größenordnungen höhere Häuser als in Berlin und unfassbar viel mehr davon, zudem deutlich kühnere Architektur, viel mehr mehrstöckige Straßenführungen, Verkehrsflut über und unter Tage und Unmengen an Menschen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn man dann etwas genauer hinschaut, fallen noch ein paar Besonderheiten auf. Die genannten Städte sind auffallend sauber. Auf den Straßen, Gehwegen und Plätzen liegt weder Papierabfall noch Blechdosen oder anderer Unrat herum. Auch wieder ein ziemlicher Unterschied zu Berlin. In Tokio gibt es übrigens noch nicht einmal Papierkörbe. 

Die U- und S-Bahnen sind ebenfalls sauber, ohne Graffiti-Schmierereien und – wichtig – pünktlich. Und sie halten auf den Zentimeter genau dort, wo sie halten sollen. Die Passagiere stellen sich in Reihe an, lassen nach dem Halt des Zuges zunächst Aussteigen und begeben sich dann in die Waggons. Das geht in der Rushhour natürlich nicht ohne Drängen, von außen wird sogar nachgeschoben, aber auch das läuft ruhig und ohne Schwierigkeiten ab.

Die Kriminalitätsraten sind in den genannten Städten niedrig. Meine Frau und ich hatten, obwohl allein und auch bei Dunkelheit unterwegs, nicht ein einziges Mal ein mulmiges Gefühl. In anderen Großstädten weltweit und auch in Berlin haben wir das schon anders erlebt. Auffällig auch, dass es weder in Tokio noch in Shanghai, Taipeh oder Hongkong Bettler gab, zumindest haben wir keine gesehen.

Soviel zu den Augenfälligkeiten. Wenn man sich dann noch vorstellt, welche logistischen Leistungen erforderlich sind, die vielen vielen Menschen zu versorgen, mit Wasser, Strom, Heizung und Lebensmitteln, mit Gesundheitsdiensten, was dazu gehört, sie zu befördern und welche Mengen täglich entsorgt werden müssen, dann fragt man sich schon: 

Wie schaffen diese Städte das? 

Wie kriegen sie es hin, dass solche Menschenmassen friedlich und geordnet auf relativ engem Raum zusammenleben, ihren Geschäften und Freizeitvergnügungen nachgehen, gut versorgt werden und Sauberkeit herrscht?

Mir sind dazu drei Dinge aufgefallen, die als Schlüssel für diese Leistungen gelten können:

  • Technologie
  • Organisation
  • Disziplin

Vielleich ist der letzte Punkt, Disziplin, das eigentliche Geheimnis hinter diesen Leistungen, denn Technologie und Organisation haben andere Städte in der Welt auch. Aber dieser Punkt ist für uns Europäer, aber auch für Süd- und Nordamerikaner, etwas schwierig zu akzeptieren, zumal er in den vier verschiedenen Städten auf verschiedene Weise realisiert wird, mal eher als Kulturbestandteil, mal eher auf dem Wege strikter Durchsetzung. Ich maße mir kein Urteil an, was davon richtig oder falsch ist. Ich glaube, dass es darum primär gar nicht geht. Es ist unter den Bedingungen dieser Megacitys notwendig, diszipliniert zu sein und sich an Regeln zu halten, sonst funktionieren sie nicht. Und in Tokio, Shanghai, Taipeh und Hongkong kriegen sie das hin.