Die Coronaepidemie – ein Lehrstück für Transformation

transformare bedeutet umformen, verwandeln. Das kann zunächst einmal alles und nichts heißen. Demzufolge wird der Begriff äußerst vielfältig gebraucht. Im Bereich von Wirtschaft und Gesellschaft beobachten wir eine beginnende Beliebigkeit bei seiner Verwendung. Das passiert deshalb, weil direkte Aktivitäten, zum Beispiel die Einführung einer neuen Software oder die Umstellung auf bargeldloses Bezahlen als Transformation bezeichnet wird. Das, was dort im „Vordergrund“ abläuft ist aber nicht die Transformation, sondern eben die Einführung der neuen Software oder von Bezahl-Apps fürs Smartphone – mehr oder weniger technische und organisatorische Aktivitäten. Die Transformation, falls bei diesen beiden Beispielen überhaupt eine stattfindet, läuft dagegen im Hintergrund ab. Sie ändert Verhalten, Gewohnheiten, Denken, Werte, Strukturen, Sinnvorstellungen, Ziele, Geschäftsmodelle, Kräfteverhältnisse zwischen Akteuren und viele andere, sehr grundlegende und weitreichende Punkte. Und in der Coronakrise lassen sich viele solcher Prozesse beobachten.
 

Was ist das Wesentliche an Transformation?

Schauen wir uns vor dieser grundsätzlichen Positionierung das Transformationsgeschehen näher an, so stechen zwei Merkmale besonders heraus. Erstens: Transformation hat Disruption zur Voraussetzung. Ohne plötzliche, erschütternde, revolutionäre Veränderung der Bedingungen, unter denen „das Leben so dahinläuft“ wird es keine Transformation geben. Wozu auch? Das Trägheitsgesetz gilt nicht nur für unbelebte Materie, sondern auch in sozialen Systemen, in der Gesellschaft, in Unternehmen. Zweitens: Das konkrete Ergebnis der Transformation ist vorher nicht sicher bestimmbar. Die Welt sieht nach der Transformation anders aus als vorher, aber niemand kann wissen wie.

Das Coronavirus kam plötzlich in unsere Welt. Er hat sich auf leisen Sohlen eingeschlichen, zunächst unbemerkt und dann immer heftiger. Eine echte Disruption. Ähnliche Beispiele gibt es zuhauf, die Zersetzung des Ostblocks, die erst mit dem Mauerfall so richtig sichtbar wurde, der Siegeszug der Smartphones oder des Internets, die Klimaveränderungen, die Migrationsbewegungen nach Europa. So wie diese große Umwälzungen im Zusammenleben der Menschen, auf Unternehmen, in der Arbeitswelt, beim Kommunikationsverhalten, in der politischen Landschaft, bei Werten, in ethischen und moralischen Positionen und vielem mehr auslösten, deren Ausgang am Anfang nicht absehbar war, und es teilweise bis heute nicht ist, genauso passiert das jetzt in der Folge des Coronavirus. Wir erleben sie gerade. diese mächtigen Umwälzungen in vielen Bereichen der Gesellschaft, im Gesundheitswesen, in der Wirtschaft, in der Politik und im Zusammenlaben der Menschen. 

Für diese Umwälzungen ist der Begriff Transformation richtig. Warum? Weil das, was wir gerade im Gefolge der Coronakrise erleben, tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft auslöst. Nicht nur oberflächlich, sondern in ihren Grundfesten. Und weil der Ausgang des Ganzen absolut unsicher ist. Wir wissen weder, was sich alles ändern wird, ja ändern muss, um die Krise zu bewältigen, ob die getroffenen Maßnahmen überzogen oder zu schwach sind oder genau richtig, noch haben wir Gewissheit darüber, wie unsere Welt nach der Krise aussehen wird. Wie werden sich unser Zusammenleben, unsere Arbeitswelt, unsere Wirtschaft, der Staat und die Politik, das Gesundheitswesen, das Schulsystem, das Reise- und Freizeitverhalten, die Beziehungen zwischen den Ländern und möglicherweise unsere gesamte Denkbasis durch die gerade erst beginnenden Umwälzungen verändern?
 

Die Coronakrise erzwingt Transformation

Hierzu ein paar Beispiele:

Im Gesundheitswesen verschieben sich Prioritäten massiv. Um Krankenhäuser zu entlasten, damit sie sich mit Coronafällen oder -verdachtsfällen beschäftigen können, werden Mütter bereits wenige Stunden nach der Geburt mit ihren Säuglingen nach Hause geschickt, wenn es keine Komplikationen gegeben hat. Operationen und aufwändige Untersuchungen, die nicht dringend und lebensbedrohlich sind, werden verschoben. Der Fokus geht weg vom Einzelfall, der meist wirtschaftlich lukrativer wäre, und richtet sich auf gesellschaftliche Notwendigkeiten. Wohin diese Entwicklung führt und ob sie Bestand hat ist ungewiss. Allerdings lässt die Forderung des französischen Präsidenten, der bisher immer für weniger Staat und mehr Markt gefochten hat, aufhorchen, dass man die Gesundheit der Bürger nicht der Privatwirtschaft überlassen, sondern in staatliche Hände geben solle. Auch gibt es viele Stimmen, die auf die Erfolge Südkoreas, Singapurs, ja selbst Chinas bei der Bekämpfung der Coronaepidemie hinweisen und diese zentralistischen Steuerungssysteme zum Vorbild erklären. Stehen wir hier tatsächlich vor einer Transformation, an der Schwelle zu einem zentral gesteuerten und am Begriff der „Volksgesundheit“ orientierten Gesundheitswesen?

Wer in diesen Tagen in Unternehmen unterwegs ist, kann zwei grundsätzliche Beobachtungen machen. Einmal, dass Arbeit völlig anders organisiert werden kann, als wir das gewohnt sind. Plötzlich werden keine oder kaum noch Meetings abgehalten, Dienstreisen unterbleiben weitgehend, Mitarbeiter arbeiten von zu Hause aus. Und zweitens werden viele Aktivitäten und Projekte weggelassen oder verschoben, die bisher als unverzichtbar galten. Das alles hat Auswirkungen auf Entscheidungsfindung, Führung, Zusammenhalt von Gruppen und Teams, auf die Arbeitsdisziplin der Einzelnen. Bei der Frage freiwilliger Quarantäne kommt es zu Abstimmungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern über die beste Verfahrensweise, und zwar jenseits von Gesetzen, Tarifverträgen, Interessenvertretungen und Streikandrohungen. Für kleine Unternehmen ist das kein riesiger Sprung, für große mit ihren eingeübten Formalismen schon.

Wir beobachten aber auch Ausgrenzungen, gar Mobbing, gegenüber Menschen, die im Verdacht der Infizierung stehen. Sichtbar werden Unsicherheiten bei Führungskräften, die ja eigentlich Sicherheit und Zuversicht vermitteln sollten. Unternehmen geraten unter wirtschaftlichen Druck, einige sogar existenziell, und rufen nach Staatshilfen, die auch versprochen, aber mit Sicherheit nicht wirklich helfen werden. Was nützt einem Kleinunternehmer ein Kredit „in beliebiger Höhe“, den er natürlich später zurückzahlen muss? Damit wird sein Verlust in der Krisensituation nicht ausgeglichen, sondern nur in die Zukunft verschoben. Es läuft alles auf die Frage hinaus, welche Unternehmen an diese extremen Bedingungen besser angepasst sind oder sich schnell anpassen können. Ein Unternehmen, in dem HomeOffice bereits gang und gäbe ist, wird aktuell besser zurechtkommen, als solche mit traditionellen Arbeitsstrukturen. Unternehmen mit virtueller Infrastruktur haben kaum Probleme, sich über Videokonferenzen zu organisieren. Unternehmen ohne große Abhängigkeit von Lieferketten sind besser dran. Unternehmen, die Leistungen bringen, die für die Bevölkerung oder die Volkswirtschaft unverzichtbar sind, haben bessere Chancen als die Anbieter von Luxus oder Lifestyle. 

Im Lebensmittelhandel gibt es neben der Belastung durch Hamsterkäufe und die mit fortlaufender Dauer der Krise problematischer werdende Sicherung von Lieferketten eine bemerkenswerte Tendenz zu Einkäufen übers Internet. Hier sind diejenigen Händler im Vorteil, die, wie Rewe, bereits über solche erprobten Bestell- und Lieferstrukturen verfügen. Wir werden sehen, wie sich der Handel und das Einkaufsverhalten der Bevölkerung nach überstandener Krise justiert. Heute kann man mutmaßen, aber niemand weiß es sicher. Auch im Bereich von Bildung und Weiterbildung wäre ein Sprung in Richtung digitaler Lösungen zweckmäßig. 
 

Wo setzt Transformation an?

Transformation sind nicht die einzelnen Maßnahmen, wie Kredite, Internetshops, Homeoffice oder ein anderes Gesundheitsmanagement. Transformation ist die Voraussetzung dafür, dass diese Dinge gelingen. Unternehmen, Krankenhäuser, das Gesundheitswesen, das Bildungssystem, der Staat, die ganz Gesellschaft werden eingefahrene Prozeduren bei Entscheidungsfindung, beim Einsatz von Ressourcen, beim Führungsstil, beim Umgang miteinander, bei Dogmen im Denken über Bord werfen müssen. Viele Dinge, bei denen bisher gesagt wurde „das können wir aber so nicht machen“, müssen hinterfragt und verändert werden. Die ganze Gesellschaft muss und wird sich in weiten Teilen neu erfinden, umdefinieren und transformieren.

Damit sind wir bei einem wesentlichen Punkt von Transformation. Sie wird zwar von äußeren Umständen, Disruption, ausgelöst und erzwungen, kann jedoch nur von innen heraus erfolgen. Niemand kann einem Unternehmen, einem Staat oder einer Gesellschaft – oder gar der ganzen Menschheit – Transformation verordnen, weil es dabei nicht um einzelne Maßnahmen geht, die man beschließen, anweisen und umsetzen kann, sondern um die Veränderung von Denk- und Verhaltensweisen, von eingeübten Mustern, von Werten und Bewertungen. Das sind menschliche Attribute, die beim Einzelnen beginnen und sich durch die Masse fortsetzen, aber eben immer nur von „innen“ kommen. Erst erfolgreiche Transformation sichert die notwendige Anpassung der Systeme an die durch Disruption veränderten Bedingungen. Wie weit sie geht, wie stark sie ist und wo sie endet, hängt davon ab, wann die Systeme ausreichend an die neue Situation angepasst sind.
 

Was kann man für Transformation tun?

Wenn jetzt der Eindruck entsteht, dass Transformation ein selbstlaufender, von vielen Zufälligkeiten abhängiger und von außen nicht steuerbarer Prozess ist, so entspricht genau das den Tatsachen. Wir können Transformation nicht machen, wir müssen sie durchleben. Erhebt sich nun die noch die Frage nach Transformationsmanagement? Nein, nicht wirklich. Man kann Transformation nicht managen! Aber man kann Menschen, Unternehmen, Staaten und andere Systeme bei ihrer Transformation unterstützen, coachen. Dabei unterscheide ich drei Phasen des TransformationsCoachings:

Vordisruptive Phase:
Die vordisruptive Phase ist deshalb besonders interessant, weil Charakter, Zeitpunkt und Ausmaß der bevorstehenden Erschütterungen nicht bekannt sind – man kann sie allenfalls vermuten. Hier geht es einerseits um das Durchspielen von Szenarien und das Aufstellen von präventiven Notfallplänen, andererseits darum, die zukünftig vermutlich in die Ereignisse involvierten Menschen zu öffnen für das bis dahin Undenkbare.

Transformatiosphase:
Nach Eintreten der Disruption (das Virus grassiert) tritt Destabilisierung ein, nichts läuft mehr wie gewohnt, Menschen sind hochgradig verunsichert, die Gewissheiten schwinden und Gerüchte, Verschwörungstheorien und Impulsreaktionen greifen um sich. In dieser Situation unterstützt TransformationsCoaching die verantwortlichen dabei, Führung zu übernehmen, eigene Unsicherheiten zu überwinden, ihrer Umgebung Zuversicht zu vermitteln, ins Handeln zu gehen und zielführende Maßnahmen zu treffen.

Konsolodierungsphase:
Wenn die Krise überwunden wird, geht es darum, die Ergebnisse der Transformation zu bewahren und im Kodex des Systems zu verankern. Es geht um Lernen in dem Sinne, die gemachten Erfahrungen zu reflektieren und zu verankern. Es gilt, die Balance zu finden zwischen den zur Überwindung der Krise erforderlichen, teils extremen Veränderungen in Denken und Verhalten einerseits und der vor der Krise geübten Praxis. 
 

Diese konkreten Unterstützungsmaßnahmen, verbunden mit einer permanenten Schärfung unseres Blicks für die Transformationsprozesse, sind ausgesprochen hilfreich. Dabei müssen wir uns immer darüber im Klaren sein, dass niemand in der Lage ist, Menschen, Organisationen, Unternehmen oder Staaten die Transformation abzunehmen. Sie muss immer von den Betroffenen selbst bewältigt werden, denn es geht um deren Art zu Denken und zu Handeln.